Tag 19: „On Lofoten, you never know“

Hallo und willkommen zum zweiten Lofoten-Tag! Über Nacht hatte das Wetter eine 180-Grad-Wende gemacht und präsentierte sich heute von seiner winterlichen Seite. Ich nutzte die Gelegenheit für eine lange Wanderung, auf welcher ich mein Ziel eigentliches Svolvær allerdings wegen zu großer Schneemassen nicht erreichte. Dieses erreichte ich dann im zweiten Anlauf, und zwar mit dem Rad. Alles weitere im Bericht – viel Spaß beim Lesen!

Heutige Route:
(Kabelvåg)

Gefahrene Kilometer:
keine (total: 8.978)

Nach dem Regentag gestern erwachte ich heute unter komplett anderen Bedingungen: Vor dem Fenster erblickte ich ein dichtes Schneetreiben und die Lofoten hatten sich über Nacht in eine Winterlandschaft verwandelt! Damit machte das Wetter hier oben seiner sprichwörtlichen Wechselhaftigkeit mal wieder alle Ehre. Kenneth, mein Vermieter, umschrieb diesen Umstand mit dem Ausspruch „On Lofoten, you never know“, den er fast mantraartig immer wieder wiederholte. Nachdem ich mich den Vormittag über ein bisschen am Blog verdaddelt hab, machte ich mich gegen 11 Uhr endlich auf, um das winterliche Wetter zu genießen. Inspiriert durch diesen Tourenvorschlag wollte ich eine kleine Wanderung nach Svolvær unternehmen. Am Anfang hatte ich leichte Probleme, den richtigen Weg zu finden und strandete einige Male im Morast. Schließlich fand ich den großen See, den Store Kongsvatnet, den es jetzt nur noch zu gut zwei Dritteln zu umrunden galt. Dabei kam ich an einem Schießstadion vorbei, welches offenbar auch für Biathlon verwendet wird, sowie einem Wasserkraftwerk. Letzteres erinnerte mich daran, dass ich mich in einem Land befinde, welches seinen Strombedarf zu nahezu 100% aus einer erneuerbaren Energiequelle deckt.

Tag 19: Schneespaziergang zum Store Kongsvatnet Tag 19: Schneespaziergang zum Store Kongsvatnet Tag 19: Schneespaziergang zum Store Kongsvatnet Tag 19: Schneespaziergang zum Store Kongsvatnet Tag 19: Schneespaziergang zum Store Kongsvatnet Tag 19: Schneespaziergang zum Store Kongsvatnet

Während am Kraftwerk noch die Sonne in den Fensterscheiben blitzte, schlug das Wetter kurze Zeit später schlagartig um und es kam eine Art Schneesturm auf. Erfreut stelle ich fest, dass meine Ausrüstung diesem Härtetest gut gewachsen war und ich weder nass wurde noch besonders stark fror. An der Nordseite des Sees wurde der vormals gut erkennbare Weg zunächst zu einen kleinen Pfad, ehe er im Wald komplett unter einer dicken Schneedecke verschwand. Um kleinere Wasserläufe und besonders sumpfige Stellen zu überbrücken, gab es allerdings immer mal wieder Stege aus Holz, welche meine einzigen Orientierungspunkte waren. Dazwischen brach ich wiederholt knietief in den Schnee ein und die Überlegung, wie man am sichersten von einem zum nächsten Steg kommt, erwies sich als regelrechte Denksportaufgabe. Auf etwa halber Strecke ging es schließlich nicht mehr weiter: Der nächste Steg war außer Sichtweite, der Hang wurde immer steiler und die Schneedecke so dick, dass man nicht mehr erahnen konnte, was sich darunter verbirgt. Nun verstand ich, warum ich immer wieder Norweger mit einer Schneeschaufel beim Spazierengehen gesehen habe… Schweren Herzens entschied ich mich zur Umkehr und wollte es gegebenenfalls nochmal über die Südroute nach Svolvær probieren.

Tag 19: Im Tiefschnee Tag 19: Im Tiefschnee
Tag 19: Im Tiefschnee

Am südlichen Ufer angekommen schneite und graupelte es allerdings mittlerweile so heftig, dass man seine Hand kaum vor Augen sah, und ich suchte erstmal Unterschlupf in einer kleinen Bretterbude. Nachdem ich mich dort etwas ausgeruht und meinen Proviant verschlungen hatte, fasst ich den Entschluss, erstmal kurz nach Hause zurückzugehen und dann mit dem Rad nach Svolvær zu fahren.

Tag 19: Im Tiefschnee

In der Ferienwohnung gab es dann einen Kaffee zum Aufwärmen sowie meinen Super-Geheimtipp für unschlagbar günstiges Essen in Norwegen: Fertig-Pfannkuchen aus dem Supermarkt. Es ist zwar vieles extrem teuer in Norwegen, einiges ist aber auch unglaublich günstig, zum Beispiel ein Glas Pesto für umgerechnet 50 Cent oder eben jene Pfannkuchen, zehn Stück für etwas über zwei Euro.

Mittlerweile hatte sich auch das Rätsel um meine Mitbewohner gelöst: Von August bis Mai vermietet Kenneth seine drei Gästezimmer dauerhaft an SchülerInnen (er sagte zwar wörtlich Studenten, ich nehme aber mal an, dass es sich um eine Art Internatsschüler handelt). Nur in den acht Wochen dazwischen – Hauptsaison auf den Lofoten – nimmt er Touristen auf, dann natürlich zu deutlich höheren Preisen. Da er allein in dem Haus wohnt und das ein oder andere kostspielige Hobby hat (Wohnwagen, Schneemobil) könnte er diese zusätzlichen Einnahmen gut gebrauchen. In diesem Winter war allerdings ein Schüler nicht angereist, so dass er es erstmals auch mit Touristen abseits der Saison probieren konnte. Mich hat er damit auf jeden Fall ja schonmal erfolgreich geködert!

Nach der kurzen Stippvisite im warmen und trockenen Heim schwang ich mich aufs Rad und fuhr die 6 km runter in den Lofoten-Hauptort. Zu meiner Überraschung gab es entlang der Hauptverlehrsader der Inselgruppe, der Europastraße 10, sogar einen Radweg. Zum Glück war ich mit einem Mountainbike unterwegs, so konnten mir die winterlichen Straßenverhältnisse und das ständige Auf und Ab nichts anhaben und ich genoss es, mal wieder ein längeres Stück zu radeln. Unterwegs ging es an der Lofoten-Kathedrale vorbei, welche als größte Holzkirche Norwegens gilt, sowie durch einen Tunnel.

Tag 19: Radtour nach SvolværTag 19: Radtour nach Svolvær Tag 19: Radtour nach Svolvær Tag 19: Radtour nach Svolvær

In Svolvær angekommen gönnte ich mir im von Kenneth empfohlenen Restaurant erstmal eine Pizza. Diese war für skandinavische Verhältnisse erstaunlich groß (obwohl es die kleinere der beiden angebotenen Größen war), lecker und preiswert. Anschließend drehte ich eine Runde durch den Ort und kam unter anderem an der Kirche, dem Hafen mit vielen kleinen Fischerbooten sowie einer komplett aus Eis gestalteten Bar vorbei.

Tag 19: Pizza in Svolvær
Tag 19: Nachtfotos in Svolvær
Tag 19: Nachtfotos in Svolvær
Tag 19: Nachtfotos in Svolvær Tag 19: Nachtfotos in Svolvær Tag 19: Nachtfotos in Svolvær Tag 19: Nachtfotos in Svolvær

Durch lautes Tuten kündigte sich dann ein ganz besonderer Gast in dem kleinen Hafen an, nämlich ein Schiff der legendären Hurtigruten, welches Svolvær einmal am Tag anläuft. Dieses lud zu meinem Erstaunen eine nennswerte Anzahl Touristen ab und lag dann etwa eine Stunde vor Anker – meine Gelegenheit für ein paar Fotos! Da diversen Zügen und Bussen gibt es damit nun den dritten Verkehrsträger hier im Blog zu sehen.

Tag 19: Das Hurtigruten-Schiff kommt vorbeiTag 19: Das Hurtigruten-Schiff kommt vorbeiTag 19: Das Hurtigruten-Schiff kommt vorbei

Das Wetter war mittlerweile richtig eklig geworden und heftiger Wind peitschte mir den graupelartigen Schnee ins Gesicht. Zum Glück hatte ich meinen Schlauschal dabei, den ich mir bis unter die Augen zog, so dass ich angemessen geschützt war. Ich freute mich schon ein wenig auf die Rückfahrt unter diesen Extrembedingungen, denn wann kann man so etwas schonmal in unseren Breiten erleben? Eben auf dem Rad rief mich Kenneth an und fragte, ob er mich abholen solle. Als ich dies vehement verneinte und sagte, dass ich gerade mit dem Rad fahren wolle, ließ er mich – als Schlechtwetter-Freund tituliert – leicht belustigt gewähren. Die Fahrt war dann in der Tat ein großer Spaß und ich gab auf den Steigungen alles, um dann mit Vollgas die Abfahrten auf tiefer Schneedecke herunterzubrettern. Und das mit der grandiosen Landschaft um mich herum – links das aufgewühlte Meer, rechts die gewaltigen Berge – ein einmaliges Erlebnis!

Als ich dann bei Kenneth vor der Tür stand, um die Rechnung zu begleichen, lud er mich spontan auf ein Cider ein (schmeckte anders als erwartet, nämlich quietschsüß). Stolz präsentierte er mir seine Haustechnik, unter anderem eine Trocknungsmaschine für Schuhe, die ich gleich mal an meinen – nach dem langen Schneetag durchaus beanspruchten – Wanderschuhen testen durfte. Wir saßen dann lange zusammen und quatschten über Gott und die Welt. Kenneth, der ansonsten wie gesagt alleine wohnt, freute sich sichtlich über den Besuch. Er erzählte mir, dass er lange Jahre die beeindruckende Landschaft, die Polarlichter, und die Mitternachtssonne auf den Lofoten überhaupt nicht näher wahrgenommen hatte, weil es für ihn so selbstverständlich war wie für uns plattes Land und Regenwetter. Erst durch seinen Sohn und die Touristen würde er sich langsam mehr damit auseinandersetzen und die Natur zu schätzen lernen.

Wir sprachen auch über die Buchungssituation im Sommer und bereitwillig zeigte er mir alle möglichen Daten und Statistiken auf seinem Laptop. So kam ich in den besonderen Genuss, booking.com mal von der anderen Seite zu sehen, nämlich der Seite des Gastgebers. Zwischendurch unterbreitete er mir halb scherzhaft, halb ernst das Angebot, doch einfach noch kostenlos ein paar Tage zu bleiben, so könnten wir jeden Abend Cider und Bier trinken und uns die Zeit vertreiben. Hätte ich nicht für die nächsten eineinhalb Wochen schon alles im Voraus gebucht, wäre ich gerne noch ein wenig geblieben, denn es gab noch so viel auf den Lofoten zu entdecken. Außerdem sollte das Wetter ab morgen pünktlich zu meiner Abreise auch wieder besser werden…

Tag 19: Schuh-Fön bei Kenneth

Wir verabschiedeten uns schließlich und ich wusste, dass ich hier jederzeit wieder ein gern gesehener Gast sein würde. Wer weiß, vielleicht irgendwann mal im Sommer…? Später am Abend zog ich nochmal los, um Proviant für die morgige Fahrt zu kaufen. Anschließend machte ich noch einen Abstecher zur Mole, denn ich hatte so ein Gefühl, dass sich heute Abend vielleicht noch was am Himmel ereignen könnte. Leider hatte ich kein Glück und die möglichen Sicht auf Polarlichter wurde von dicken Wolken versperrt. Trotzdem konnte ich trotzdem ein paar schöne Aufnahmen mit interessanter Himmelsfärbung machen. Mit diesen veranschiede ich mich für heute und sage: Tschüss und bis bald, morgen melde ich mich dann wieder aus Schweden.

Tag 19: Nachts im Hafen von Kabelvåg Tag 19: Nachts im Hafen von Kabelvåg Tag 19: Nachts im Hafen von Kabelvåg

Ein Gedanke zu „Tag 19: „On Lofoten, you never know“

  • 19. Februar 2017 um 12:26
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    Hallo Sebastian!
    Immer wieder schön, deine Berichte zu lesen und die Fotos anzuschauen.
    Danke, dass du uns durch deine lebendigen Erzählungen und tollen Bildern an deiner Nordlandreise teilhaben lässt.
    Ich wünsche dir noch weiterhin viele erlebnisreiche Momente und gute Begegnungen.
    Noch eine schöne Zeit und viel Spaß.
    Hier sind gestern die ersten Kraniche gezogenen.
    Ich hoffe, sie haben sich nicht getäuscht und der Frühling ist in Sicht.
    In diesem Sinne alles Gute und viele liebe Grüße Christine .

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